Die Holzplanken, die auf dem höchsten Punkt der Sanddüne beginnen, sind heiß. Fast so heiß wie der Sand. Fast so heiß wie die Sonne, die senkrecht über der Nordsee hängt.
Genau an dieser Stelle muß ich stehenbleiben und alles sehen: Die Wellen und die Möwen und den Strand und jedes Sandkörnchen.
Aber man kann es nicht, weil sonst die Fußsohlen anbrennen, man muß laufen, schnell laufen, immer zwei Planken auf einmal, dieses Jahr schaffe ich sogar drei, die Strecke bis zum Wasser ist kürzer geworden und meine Beine länger. Vielleicht zischt es ja, wenn die Füße endlich ins Wasser eintauchen, die Waden, die Oberschenkel, alles von mir.
Schon hat sie mich, die Welle, und wirbelt mich in einem Purzelbaum herum, den ich sonst nie so schaffen würde, im ganzen Leben nicht, so wild, dass ich nicht weiß, ob über oder unter mir der Himmel ist, alles nur Wasser, Sand und Wasser.
Ich tauche auf und plötzlich weiß ich wieder, wie es geht: nur mit der Welle oder unter ihr hindurch. Die nächste nimmt mich mit zurück zum Strand, wo ich mein altes rotes Kinderhandtuch mit den weißen Punkten im Laufen hingeworfen habe.

„Du hast aber ein schönes Handtuch.“
Ich bin sechs Jahre alt und vor mir steht das Mädchen, das ich schon gestern am Strand gesehen habe. Sie steht da mit gegrätschten Beinen und schaut mich an. „Spielen wir zusammen?“
Wir spielen Federball, dann aber nicht mehr, weil es zu windig ist. Wir bauen eine Burg aus Sand am Wasserrand, die allerschönste hier, verzieren sie mit Muscheln und mit Seetang und kleinen Stöckchen und mit meinem selbstgefädelten Perlenarmband.
Wir gehen beide in die erste Klasse,   Lina in Hannover, ich in München.
Lina kennt alles hier in Holland, sagt sie, sie hat ja immer ihre Sommerferien hier verbracht, seit sie ein kleines Baby war.
Sie zeigt mir, wie man mit den Wellen schwimmt und wie man unter ihnen wegtaucht, selbst wenn man furchtbar Angst hat.
„Nordsee ist Mordsee“, auch das weiß Lina, denn sie hat einen Onkel, der mal zur See gefahren ist und ihr die gruseligen Geschichten vom Klabautermann erzählt hat; von den verborgenen Schätzen in den Wracks gesunkener Schiffe und von dem Schimmelreiter, der ohne Kopf auf einem dreibeinigen Pferd hoch oben auf dem Deich entlangreitet, ganz weiß, wenn es schon dunkel oder neblig ist. Und mir erzählt sie nachts davon, wenn sie bei mir in unserm Ferienhäuschen oder ich bei ihr im Strandhaus ihrer Oma übernachte. Lina kann so erzählen, dass wir uns aneinanderkuscheln müssen, sonst halten wir es gar nicht aus, auch Lina selber nicht.
„Stell dir mal vor, Sophie, es wäre   Sturmflut und eine Riesenwelle, hoch wie der höchste Wolkenkratzer in New York, rollt über alles weg, über den Strand und über die Dünen und über das ganze Bergen aan Zee.“
Lina erzählt und läßt mich Sachen vorstellen und erzählt, so lange bis wir beide Wassernixen sind und uns die Mordsee nichts mehr tun kann.
Wir sehen uns jeden Tag in meinem ersten Sommer an der Nordsee, und danach jedes Jahr, weil ich nie mehr woanders hinfahren möchte, nur an die Nordsee und zu Lina.

Ich sitze auf dem roten Handtuch mit den weißen Punkten, es ist jetzt schon ein bisschen dünn und an den Ecken abgestoßen, das Rot und Weiß verblichen. Es ist aber mein Hollandhandtuch.
Ich lasse Sand durch meine abgekühlten Finger rieseln.
Lina kommt erst morgen. Heute hat sie ja Geburtstag, sie wird dreizehn, genau achtzehn Tage vor mir, aber sie wollte ihn diesmal in Hannover feiern, mit ihren Freundinnen, das hat sie mir im letzten Brief geschrieben. Sonst haben wir ihn eigentlich immer hier gefeiert.
Meine Geschenke, die gebe ich ihr dann eben morgen. Egal. Ein kleines Muschelkästchen mit zwanzig kleinen Stoffmargariten. Für das weiße Moskitonetz, das über ihrem Bett hängt, obwohl es in Hannover keinen einzigen Moskito gibt. Kann sie sich draufnähen, ich weiß, so Sachen mag sie. Und die Kassette, die ich ihr aufgenommen habe, mit allen Stücken drauf, die ich zur Zeit am liebsten höre.
„Na, langweilig ohne Lina?“ Meine Eltern kommen mit Picknickkorb und Badetasche auf mich zu, sie haben beide Gummilatschen an, spüren den heißen Sand unter den Sohlen gar nicht. „Wie du das in der Sonne nur aushalten kannst, Schätzchen! Hast du dich schon eingecremt? Ich glaub, so heiß war es hier im August noch nie!“ Meine Mutter setzt sich sofort in den Strandkorb neben mir und fischt in der Badetasche nach ihrer Sonnenbrille. „Ich geh mal gleich ins Wasser“, sagt mein Vater.   
„Bin ja gespannt, wie Lina sich seit letztem Sommer gemacht hat“,   sagt meine Mutter. „Ihre Mutter hat mir vor kurzem erst am Telefon erzählt, dass sie schon mitten in der Pubertät steckt ... mit knapp dreizehn!“
„Ich geh zurück zum Haus“, sage ich. „Ist mir zu heiß hier heute.“   „Was willst du denn dann essen?“ fragt sie. „Ich hab uns so ein schönes Picknick mitgebracht.“
„Ich hab heut sowieso keinen Hunger. Ist viel zu heiß zum Essen. Ich komm dann später wieder runter.“
„Na schön, der Schlüssel liegt wie immer rechts im Blumentopf auf der Veranda. Du kommst dann wirklich später wieder, ja?“
Ich nicke und mache mich auf den Rückweg über die heißen Holzplanken. Langsamer jetzt, weil es die Düne diesmal aufwärts geht.

Ich sehe Lina auch am nächsten Tag noch nicht. Sie sind wohl erst spät aus Hannover abgefahren.
„Jetzt lass sie erstmal ankommen“, meint meine Mutter, als ich am Abend noch zum Strandhaus rübergehen will, um nachzusehen, ob sie schon da sind. „Morgen siehst du sie ohnehin am Strand und danach jeden Tag, drei Wochen lang, Sophie. Stör sie mal nicht heut abend.“
Lina stören? Ich? Sie hat doch keine Ahnung, meine Mutter.

Am nächsten Morgen bin ich der allererste Mensch am Strand. Ich fühle mich ganz feierlich und auch ein bisschen aufgeregt. Ich sammle kleine angeschwemmte Muscheln auf und ordne sie zu einem Kreis. In den Kreis lege ich das Muschelkästchen und die Kassette, die ich in Geschenkpapier verpackt habe.
Ich setze mich auf mein Handtuch, stecke mir die Walkman-Stöpsel in die Ohren und höre die Kassette, die ich gleich Lina schenken werde. Ich hab sie zweimal aufgenommen.
Ich lege mich so auf den Bauch, dass ich die Holzplanken im Blick habe.
Wenn Lina kommt, dann rennen wir gleich ins Wasser und springen mit den Wellen und tauchen unter ihnen durch. Wir lassen uns an den Strand zurückspülen und sehen, wer von uns weiter kommt. Dann liegen wir im Sand und lassen uns von der Sonne trocknen, so lange, bis uns wieder heiß wird; und wir erzählen uns, was alles so passiert ist, im letzten Jahr. Obwohl wir eigentlich alles aus unsern Briefen wissen. Mittags gehen wir zur Frittenbude hinter der Düne und essen Matjes, Fritten mit Majo oder kleine Krabben aus der Tüte. Abends kommt Lina mit zu mir oder ich zu ihr, und wenn wir Glück haben, brennt im Kamin im Strandhaus ein kleines Feuer und wir sitzen im Schneidersitz davor, auf dicken Kissen, und trinken Kakao. Wenn wir dann später in unseren Betten in Linas Zimmer liegen, dann werden wir uns die alten Gruselgeschichten zum xten Mal erzählen, obwohl wir uns schon fast ein bisschen dafür schämen.
Jetzt kommen sie! Oben auf dem Dünenkamm sehe ich als erstes Linas Eltern; sie haben mich auch sofort entdeckt und winken. Dann sehe ich Lina. Und noch ein Mädchen ...