... Als ich am nächsten Mittag nach der sechsten Stunde auf den Schulhof komme, sind alle Regenwolken weggefegt, mich blendet eine warme Sommer-Sonne, obwohl doch bald Oktober ist. Von links legt sich ein Schatten vor mir auf den Weg, den ich, auch ohne Blinzeln, gleich erkenne.
„Hi, hast du Lust, spazieren zu gehen?“, fragt der Trompetenjunge, noch spielt er ja nicht Saxophon.
„Ja“, sage ich. „Soll ich dir etwas zeigen?“
Gemeinsam gehen wir zu der Stelle hinter unserer Schule, an der der Zaun kaputt getreten ist.
„Das hier ist meine Wiese“, sage ich.
„Gehört sie wirklich dir?“ fragt er, als wir den Drahtzaun überklettert und unsere Jacken auf den noch regenfeuchten Gräsern ausgebreitet haben.
„Ja“, sage ich und nicke, „schon seit der fünften Klasse, da hab ich sie entdeckt. Es ist nie jemand hier.“
Dann liegen wir nebeneinander, ganz eng und irgendwie doch fern: Nicht einmal unsere kleinen Finger wagen es, sich zu berühren.
Ich mache meine Augen zu und plötzlich muß ich lachen.
„Ist was?“ fragt Lukas, ein bißchen irritiert.
„Ja, hör doch mal, da oben, da ist ein höllischer Verkehr. Wenn du die Augen schließt, kannst du die Hummeln hören und die Bienen und die Fliegen ... manche von denen sind mit Düsen, die andern mit Propellern angetrieben ...“
Für einen Moment lauscht er genau wie ich. Dann lacht er laut, richtet den Oberkörper auf und stützt sich seitlich auf den Ellbogen. Er zögert erst ein bißchen, doch dann beugt er sich über mich und lächelt mich mit diesen Augen an, die ich seit vierzehn Jahren kenne. Und plötzlich spüre ich seinen Mund auf meinem.
Etwas schiebt sich wie eine Welle durch meinen Körper und kribbelt dann im Bauch.
Als ich nach oben in den Himmel sehe, da ist er dunkelblau, ganz ohne weiße Schlieren.

Am Morgen nach der Wiese betrachte ich vor dem Spiegel lange meine Augen. Sie sind genauso braun wie gestern und doch gehören sie irgendwie nicht zu mir. Auch meine Lippen, meine Haut, selbst die Gesichtskonturen sehen anders aus, beinahe so, als hätte jemand sich verzeichnet. Obwohl – so richtig schlecht gezeichnet hat er nicht ...!
„Hallo, heißt du Marie?“ Als Antwort nur ein breites Grinsen, das ich von früher kenne.
Ich weiß noch ganz genau: Grins-Wettbewerb, mit Papa und mit Lisa. Man mußte dazu unbedingt den großen Spiegel aus dem Flur abhängen und ihn der Breite nach so auf den Boden stellen, dass Platz blieb, um sich auf den Bäuchen davor auszustrecken. Links Lisa, Papa in der Mitte und ich rechts, so lagen wir da, den Kopf gestützt von unsern aufgestellten Armen. Derjenige von uns, dem es gelang, am breitesten zu grinsen, was hieß, dass seine Mundwinkel fast schon die Ohrläppchen erreichten, konnte ein Eis gewinnen oder Gummibärchen; manchmal auch eine Überraschung, die Papa aus der Hosentasche zog: Ein Stift, eine besondere Murmel oder ein Stein, so schöne Kindersachen eben. Das beste daran war, dass jeder mal gewann, obwohl ja Lisas Mund so klein und Papas riesig war.
Mein Mund ist jetzt ganz klar ein anderer, obwohl er noch genau wie damals grinsen kann.

Alles ist heute anders. Schon, als ich kurz vor acht das Schweinchen vor mir sehe, fühle ich mich stark wie nie. Seine drei letzten Haare reizen mich, ich hätte größte Lust, sie einfach auszureißen.
„He, schläfst du noch?“ begrüße ich Titus, der mit verschlafenem Gesicht in seiner Bank drinsitzt, und lasse meinen vollen Rucksack neben ihn auf den Boden plumpsen.
„Verschon mich bloß mit deiner neuen Energie“, sagt er, „ich bin total verpennt – ich hab zu kurz geschlafen.“
„Wieso, was hast du denn gemacht?“
„Ich wüßte nicht, was dich das interessiert.“
Mann, ist der schlecht gelaunt, doch andererseits, sag ich ihm alles? „Schon gut, reg dich bloß wieder ab“ antworte ich lachend.
Titus lacht auch, ein bißchen unsicher vielleicht.

Dann, in der Pause, sehe ich ihn sofort, als ich die Treppe runterkomme. Er steht bei seiner Klique und trinkt Cola.
Ob er ... Schon sieht er her und zwinkert mir so zu, als hätten wir seit gestern ein Geheimnis.
Ob ich ... Doch er ist schneller, kommt schon auf mich zu.
„Hallo, Prinzessin“, sagt er mit dieser dunkel-weichen Stimme, „wie geht's denn heute so?“
Er steht so dicht vor mir, dass ich beinahe seinen Atem spüren kann, dann treten wir beide einen Schritt zurück.
„Mir geht es ... gut, und dir?“
„Seit gestern noch viel besser!“
Wir lachen uns an und dann weiß ich nicht mehr, was ich noch sagen könnte.
Er weiß es. “Sag mal, hast du morgen schon was vor? Morgen ist Samstag, keine Schule ...!“
Ich schüttele den Kopf, dann nicke ich.
Er lacht. „Ist das ein ‚Ja‘ oder ein ‚Nein‘, Prinzessin?“
Ich nicke heftiger.
„Drei Uhr bei mir zuhause? Keine Sorge, meine Eltern sind nicht da.“
Ich komme mir wie einer dieser Spielzeugaffen vor, die rhythmisch ihren Kopf bewegen, sobald man sie mit Münzen füttert.
„Okay, dann geh ich jetzt wohl noch mal zu den andern“, sagt er und deutet mit dem Kinn auf seine Klique, die interessiert zu uns herübersieht. „Ich freu mich schon, machs gut, bis morgen!“
Er dreht sich um, und ich will rufen, „du mußt mir doch noch sagen, wo du wohnst“, als er, nur einen Meter weiter, mit Kim zusammenstößt, die im Moment an uns vorübergeht.
Für einen Augenblick sieht es so aus, als würden die beiden sich umarmen. Dann geht Kim lächelnd weiter. Er schaut ihr nach, bevor er sich zu seiner Klique stellt.
„He, hast ja ziemlich gute Chancen bei den Frauen heute, Alter“, sagt einer seiner Freunde und haut ihm auf die Schulter. „Was heißt hier heute?“ höre ich einen anderen fragen, dann mache ich die Ohren zu.
Nicht nur mein Mund ist neuerdings erwachsen, ich bin es auch, und mir ist ganz egal, was alle andern sagen ...

... Ich liege auf meinem Bett und male mir sein Zimmer aus: Die Farbe an den Wänden, die Möbel, und ob es voll ist oder leer. Ob er wohl viele Bücher hat und Bilder oder Poster? Bestimmt hat er Musik. Egal, ich bin mir völlig sicher, dass ich sein Zimmer mögen werde. Ob seine Eltern morgen wirklich nicht zuhause sind? Und was ist mit Geschwistern?
Seit wann ich schon den Lukas treffe, wollte natürlich Mama wissen, als sie vorhin erst ziemlich streng und ärgerlich, dann aber plötzlich überraschend sanft versucht hat, mich zu interviewen. Ich hab ihr aber nur so viel erzählt, wie nötig war, um ihr die Kino-Sache auszutreiben. Erwachsene sind oft erstaunlich unselbständig, ich wünsche mir ja schließlich auch nicht sehnlichst, sie morgen mitzunehmen.
Noch nie hat es mich so an einen Ort gezogen.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, bestehe ich nur aus Traumgefühl. Ich weiß schon, gleich entgleitet es, doch heute macht es mir nichts aus.
Ich springe aus dem Bett und ziehe mich an, ich räume schnell mein Zimmer auf, dann decke ich, schon lange nicht mehr vorgekommen, den Frühstückstisch. Ich gehe sogar einkaufen. Danach scheint immer noch kaum Zeit vergangen.
Was tun?
Mama und Lisa sind jetzt in der Stadt, wo sie dann später auch die Geiernase treffen. Die wollen ja ins Kino.
Drei Stunden liegen noch vor mir.
Ich stehe in meinem Zimmer und plötzlich weiß ich, was ich will. Ich steige schnell auf einen Stuhl, hole vom Schrank den großen Zeichenblock herunter und lege ihn vor mich auf den Boden. Dann knie ich mich hin und fange an, mit Rötelkreiden ein Porträt zu malen. Das Bild in meinem Kopf sitzt mir dafür Modell.

Münzgasse 17, Altstadt, hat Lukas mir gesagt. Das Haus, vor dem ich stehe, sieht wirklich alt und irgendwie bedeutend aus, wenn auch schon leicht verwittert. Ich fahre mit dem Zeigefinger die Klingelschilder auf und ab. Erstaunlich, wieviel Leute hier in diesem Kasten wohnen. Und wo wohnt er? Ah, hier, Sartorius, vierter Stock.
Ich hole Luft, ich strecke mich, dann lege ich kurz den Finger auf die Klingel.
Es surrt und leise knarzend geht die schwere Türe auf.
In diesem düsteren Hausflur hier scheint es ja überhaupt kein Licht zu geben. Erst nach und nach gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit, ertaste ich mit meinen Füßen ein paar Stufen, die mich zu einem käfigartigen Konstrukt aus Drahtgeflecht hinführen. So etwas hab ich schon einmal gesehen, in einem Film, der in New York spielte, sonst hätte ich nicht mal gemerkt, dass ich vor einem alten Aufzug stehe.
Jetzt wird es hell, jemand muß einen Lichtschalter gefunden haben. Ich zögere kurz, vier Stockwerke sind ganz schön hoch, doch dann entschließe ich mich, zu Fuß zu gehen. Ich lasse mich doch nicht in einen Käfig sperren!
Wie anders der Trompetenjunge wohnt.
Erst auf dem dritten Treppenabsatz mache ich kurz halt, ich muß ja wirklich nicht so atemlos da oben auftauchen. Doch als ich flüchtig durch den Treppenschacht bis in den vierten Stock hochschaue, da steht er schon am Treppengeländer. Erwischt.
„Hi“, ruft er zu mir runter, „hast du den Lift denn nicht gesehen?“
„Dein dunkler Käfig da ist mir zu unheimlich!“
Er lacht und kommt mir auf der letzten Treppe halb entgegen.
„Hallo, Prinzessin“, begrüßt er mich nochmal, „beim nächsten Mal organisiere ich eine Sänfte.“ Er nimmt mich an der Hand und zieht mich die paar Schritte bis zu seiner Wohnung mit. Bereits im Treppenhaus kann ich Musik von innen hören.
Wir treten in eine große Diele, die, bis auf ein buntes, riesiges Gemälde, beinahe leer ist. Auf beiden Seiten mündet sie in jeweils einen breiten Gang.
„Vielleicht triffst du ja irgendwann mal meine Mutter“, sagt Lukas, als er merkt, dass ich das große Bild betrachte. „Sie ist diejenige, die diese Dinger malt, ihr seid quasi Kolleginnen. – Jetzt komm schon,“ sagt er, weil er sieht, dass ich mich nicht von dem Gemälde löse.
Dann stehe ich in seinem Zimmer, das mir genauso groß und leer vorkommt wie diese Diele draußen. Ich sehe in der Mitte, vor der Wand, eine Matraze liegen, viele zerwühlte Kissen, eine Decke. Darüber an der Wand ein Poster mit irgendeinem HipHop-Musiker, den ich nicht kenne. In einer Ecke lehnt seine Trompete, ein Saxophon kann ich noch nirgendwo entdecken, dafür stehen Bongos rum. Am Fenster ein Tapetentisch mit einem alten Eisenstuhl, daneben eine Anlage und zahllose CDs. Den Kleiderschrank ersetzt ein Kleiderständer an der anderen Wand, darunter eine Kiste. Das wars, nein halt, es gibt noch Kerzen neben seinem Bett, vereinzelt ein paar Bücher.
So also lebt ein Prinz aus einem Märchen.
„So lebst du also“, sage ich, und muß es sofort nochmal sagen, denn die Musik von der CD ist stärker.
„Ein bißchen kahl vielleicht“, sagt er, „ist aber gut für mich. Ich bin sonst ständig abgelenkt.“ Er lächelt. „Der Nachteil ist, dass ich für Gäste nur einen unbequemen Stuhl dahabe. Ansonsten gibt es halt mein Bett.“ Er lächelt wieder, aber auf die fremde Art.
Was jetzt?
Wie immer weiß es Lukas. „Komm, holen wir uns erst einmal eine Cola.“
„Sag mal, zu wievielt wohnt ihr eigentlich in dieser riesigen Wohnung?“ frage ich, als wir zusammen in die Küche
gehen.
„Mein Vater, wenn er mal nicht arbeitet, und meine Mutter und natürlich ich ... Wir brauchen alle Platz!“ antwortet er lachend.
Zurück in seinem Zimmer setzen wir uns nebeneinander auf sein Bett und trinken Cola. Wir hören Musik. Wir schweigen.
„Ich find es schön, dass du gekommen bist“, sagt Lukas nach einer Weile.
„Ich auch“, sag ich so leise, dass es beim besten Willen niemand hören kann.
Jetzt steht er auf, setzt seine Cola-Büchse ab, geht vor mir in die Hocke, und nimmt mir meine aus der Hand. Er stellt sie neben seine auf den Boden.
Da unten, neben meinen Füssen, steht jetzt ein Colabüchsen-Paar.
„Du hast so wunderschöne traurige Augen!“ sagt er mit seiner dunkel-weichen Stimme.
„Und du so freche“, sage ich.
Wir müssen beide lachen, und plötzlich küsst er mich. Er küsst mich auf die Stirn und auf die Augen und dann so zart auf meinen Mund, dass meine gerade noch ganz trockenen Lippen sich weich wie Bienenwachs anfühlen. Sie passen haargenau auf seine.
Doch jetzt verändern seine sich, sie werden viel drängender und fester. Und plötzlich falle ich auf den Rücken, wie ein Käfer, und Lukas über mich.
„Ich wollte immer schon mal wissen, wie es mit einer Prinzessin ist“, murmelt er mir ins Ohr. Er küßt mich wieder, streichelt mein Gesicht, mein Haar und meinen Hals, dann wandern seine Hände tiefer.
Ich spüre, wie alle Muskeln meines Körpers sich versteifen.
„He, du, was ist?“ flüstert er heiser.
„Ich weiß nicht ... bitte ... lass! Ich will das nicht ...“
„Ach komm, Marie, was ist denn los, es ist doch superschön mit uns ...“ sagt er und seine Hände streicheln weiter.
Da schiebe ich ihn abrupt von mir und setze mich ganz gerade hin. Jetzt liegt er auf dem Rücken, wie ein Käfer.
„Ich ... kann das nicht ... nicht jetzt. Noch nicht.“
Er sieht nach oben, an die Wand, zu seinem HipHop-Poster. „Na, wenn das so ist, gut, okay – was willst du eigentlich dann von mir?“
Als ich viel später unten auf der Straße stehe, weiß ich, ich habe es vermasselt. Ich hab versucht, ihm zu erklären, was ich ja selber nicht genau verstehe, er hat mir sogar zugehört, hat mich gefragt, ob ich mal wiederkomme, aber ... die Melodie war plötzlich weg, sein Lächeln, seine Augen waren so fremd.

Zuhause ist noch niemand da, ein Glück, ich könnte Mamas Lupenblick jetzt nicht ertragen.
In meinem Zimmer setze ich mich auf das Fensterbrett und sehe zu, wie drüben, hinter Hartmanns rotem Ziegeldach langsam die Sonne untergeht.
Ich frage mich, wieso Giraffen eigentlich nicht weinen. Es muß mit ihrem langen Hals zusammenhängen, der ihren Kopf auf eine Weise trägt, dass sie so stolz, fast hochmütig erscheinen.
Die Sonne ist jetzt hinter Hartmanns Haus verschwunden.
Ab morgen mache ich alles anders ...