WORAN ICH MICH AM DEUTLICHSTEN erinnere?
Es war so kalt, als wir am 10. Januar in London Heathrow landeten, das von hoch oben, aus der Luft, vollständig überzogen schien von einer Lage Schnee und Eis.
London? Sibirien!
Es konnte nur Sibirien sein, noch nie hatte ich ein solches Winterbild in irgendeinem London-Reiseführer oder Englisch-Schulbuch abgedruckt gesehen.
Die andern Passagiere und die Crew ließ dieser Umstand kalt wie die Höhenluft da draußen: Wir landeten, wenn auch verspätet, im frostig klirrenden, verschneiten London.
Schon auf den wenigen Metern von der Gangway bis zum Airport-Bus lagen die Gefahren auf der Lauer. Eisbahnen, spiegelglatt: „Be careful, Miss!“ Rutschende Schneebretter: „Watch it, Miss!“ Die neuen, lederkalten Absatzstiefel glitten auf die Bustür zu: „Please, let me help you, Miss.“
So hatte ich's mir ganz bestimmt nicht vorgestellt.
Stattdessen lieber so: Die Absätze meiner Stiefel klackten laut, als ich die Tunnelgänge und die Rollbänder hinunterlief, die von den Flugzeugen direkt zum Zoll und zur Gepäckausgabe führen. Bei jedem Klack fuhren dösende Köpfe in den Wartezonen hoch und sahen, trotz Benommenheit, sofort: Hier ging eine, die zwar erst siebzehn, doch alles andere als die klassische Touristin war. Klar, ohne jeden Zweifel ging hier eine, die sich entschlossen hatte drei Monate allein in dieser Stadt zu leben, drei Monate, wenn nicht noch länger.
Allein? Naja, nicht ganz allein.
Wo ich denn wohnen werde, wollte der immigration officer von mir wissen, als ich beim Zoll, bei dem ich gar nichts anzumelden hatte, meinen Pass vorzeigte. War der denn überhaupt berechtigt mich danach zu fragen? Ich war schließlich EU-Bürgerin, ich konnte doch in dieses Land nach Lust und Laune einreisen. Oder nicht?
„Claire and Tim Anstey“, sagte ich und kramte wild in meinem Rucksack rum. Entgegen fiel mir nur das Päckchen Zigaretten - am liebsten hätte ich mir auf der Stelle eine angesteckt, schon den No-Smoking-Warnschildern zum Trotz -, nicht aber der Notizzettel, auf den ich Namen und Adresse meiner „Gasteltern“ geschrieben hatte. Der Blick des immigration officers wollte gerade stechend werden, da fand ich ihn, den Zettel:

Claire und Tim Anstey
42, Courtnell Street,
London W 2 5BU

Der Officer notierte, grinste: „Have a pleasant stay”, und winkte mich nach London durch, das scheinbar ihm gehörte.

Der Heathrow-Express bringt dich für 13 – dreizehn! – Pfund in einer Viertelstunde vom Flughafen zum Bahnhof Paddington.
Zu schnell.
Ursprünglich hatte ich ja vorgehabt, mit Zug und Schiff zu fahren, die Anreise auf diese Weise hinzuziehen, doch Claudia und Christian dachten anders. Da ich keinen Streit mehr wollte, blieb mir nichts übrig als ein Kompromiss: Na gut. Ich würde fliegen, meinetwegen, dafür würden Claire und Tim mich aber nicht in Heathrow abholen.
Und also hatte ich nur die Viertelstunde bis nach Paddington vor mir, danach vielleicht noch eine weitere halbe bis nach Notting Hill. Nicht einmal eine volle Stunde für den Übergang, für die Veränderung und für die Sprachverwirrung.
Kaum hatte ich mein Gepäck im Zugabteil verstaut, kaum hatte ich mich hingesetzt, schon ungeduldig, das Sibirien, das vor dem Zugfenster vorüberflog, endlich genauer anzusehen, da wurde ich auf Deutsch von einem ziemlich blassen Typen angesprochen: „Bist du nicht auch aus München?“
Ich wirkte also doch wie eine ...
„No“, sagte ich, „I'm not.“ Kein Deutsch mehr jetzt, auf keinen Fall mehr Deutsch. „I live in London.“
Was ja auch bald schon stimmen würde, von daher überzeugend klang und Wirkung zeigte, weil dieser Typ sich jetzt nicht weiter traute. Er grinste nur verlegen. Vielleicht auch, weil er zu schlecht Englisch konnte.
Und ich? Ich machte mir ums Englischsprechen keine Sorgen. Ich machte mir um gar nichts Sorgen.
Im Gegenteil. Schon auf den ersten Blick durch das von innen beschlagene, außen eisgeblümte Zugfenster, das erst einmal behaucht, dann mit dem Ärmel klar gewischt werden musste, war ich verzaubert: Schneeweiße, in der Wintersonne glitzernde Fabrikgebäude und Backstein-Reihenhäuser mit Giebeln aus erstarrter Buttercreme, bepuderzuckerte Rangierbahnhöfe – all dies gehörte dem alten Zauberreich, dem Eiskristallpalast der Schneekönigin an, die ja die Scherben ihres Zauberspiegels in Menschenherzen schleudern kann. Gelingt es ihr, sind ihr die Herzen ausgeliefert und werden wie ein Klumpen Eis.

Schon bald darauf stand ich am alten Bahnhof Paddington. In dem gigantisch weiten Kuppelbau aus Glas und Schmiedeeisen hätte ich sofort die Treppen zur Underground hinunterlaufen können. Stattdessen folgte ich den Schildern, auf denen ich ein Taxi abgebildet fand. Ich ging hinaus ins Freie und stellte meinen Rucksack und die Reisetasche ab.
Ich sah mich um. Ich lauschte. Seltsame Stille hier. Geruchlos. Kaum Bewegung. Mir gegenüber, auf der andern Straßenseite, hohe Häuser und trotzdem war es mir, als stände ich in einem stillen Landschaftsbild.
So hatte ich mir London ganz bestimmt nicht vorgestellt.
Stattdessen?
Tosenden Verkehr. Menschen- und Fahrzeugschlangen, die sich durch breite Straßen schoben. Und Nebelschwaden, die aus verstopften Gullys drangen. Baukräne, die wie Skulpturen in den Himmel ragten. Heulende Task-Force-Police- und Feuerwehrsirenen. Und einen altertümlich-ätzenden Geruch, so fremdartig, dass man sich ihm nur schwer entziehen konnte. Und über all dem Lärm: Musik aus der Karibik.
Im Grunde hatte ich mir New York, Manhattan vorgestellt.
Durch meinen eigenen Atem in der kalten Luft sah ich nur ein paar dick Vermummte, ein, zwei, drei eingeschneite Autos, auch einen roten Doppeldeckerbus. Jedenfalls kein einziges schwarz glänzendes Taxi. Kein einziges schwarz glänzendes Taxi, so wie ich es aus meinem allerersten Englischschulbuch kannte.
„Fahren denn heute keine Taxis?“, fragte ich den nächsten besten, der an mir vorüberstapfte. In ziemlich flüssigem Englisch, wie mir schien.
„No. Too much snow“, war undeutlich durch mehrere Schichten Wolle, Stoff und Schal zu hören. Es sei verrückt, aber Londons Verkehr, der liege völlig brach. Sei schon seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Nur noch die tubes, die gingen.
Na gut, dann eben nicht. Dann eben doch die U-Bahn. Dann war dies eben der Moment, in dem ich erst mal – ohne Strafandrohung! – eine rauchen konnte. Die Nummer 42, Courtnell Street in Notting Hill, die würde nämlich rauchfrei sein, da war ich mir fast sicher. Ganz England hatte ja angeblich aufgehört zu rauchen.
Wie ich es fand, ab jetzt in Notting Hill zu leben? Drei Monate in einem Touristenviertel? Womöglich hinter einer blauen Tür, so wie Hugh Grant in diesem Film, den sie sich alle ständig reinzogen. Anstatt im Eastend oder Süden, wo man doch eigentlich wohnen sollte.
War mir egal, ich hatte keinen Plan.
Das Einzige, was für mich zählte: London war Metropole und nicht München. Das lag siebenhundert Meilen hinter mir..
Vor mir die ganze Welt.

Der Weg führte von Paddington mit der Circle Line bis Notting Hill. Eintausend Mal zu Hause, auf dem U-Bahn-Plan, studiert. Eintausend Mal, wenn nicht noch mehr.
Ob man mir helfen könne?, wurde ich auch gleich wieder bemuttert oder eher bevatert, als ich am U-Bahn-Ausgang heimlich einen schnellen Blick auf diesen umständlichen Faltplan werfen wollte.
Hm, schade, gleiche Sorte blasser Typ wie der im Zug nach Paddington, nur englisch dieses Mal.
Die Portobello Road? Die kannte und die fand doch jeder, auch ohne fremde Hilfe, was ich jetzt erst mal klarstellen musste.
Wie eine weiße Schlange wand sich die Portobello Road ganz leicht den Hügel aufwärts. Ich sah die schmalen und geduckten Häuschen mit ihren blauen!, roten und orangenen Türen direkt vorne an der Straße und ihren altmodischen Ladenschildern, auf denen Fish Pond und Banana Moon, Salvation Army und Antiques zu lesen war. Okay, auch Starbucks Coffee stand da über einem grünen Baldachin, das kannte selbst in München jeder. Und trotzdem kam's mir vor, als würde jedes Schild und jede Tür auf ein Geheimnis hinweisen, auf Dinge, denen ich bis jetzt noch nicht begegnet war.
Vor einem Haus mit Efeuranken fiel mir ein Mädchen auf, das blond und hübsch und jünger als ich war, vielleicht so vierzehn oder fünfzehn. Sie fiel mir auf, weil sie, die Hände in den Taschen ihrer Jeans, auf jemanden zu warten schien und dabei lächelte.
Auf dem Schild über ihr stand Lazy Daisy Café.
Wir waren ja schon zu spät gelandet, Tim und Claire Anstey würden sicher ... Egal: Ich wollte da hinein.
Ich hielt bereits die Klinke in der Hand, da drehte ich mich noch mal um und sprach das Mädchen an: Ob das Café okay sei, fragte ich sie, weil ich jetzt hören wollte, wie englisch ihre Stimme klang.
„This café?“, sagte sie, “this café is the best.“ Dabei sah sie mich an, als sei ich die Person, die sie erwartet hatte.

„No smoking, sorry, dear”, belehrte mich die Bedienung, die mir die Speisekarte brachte, in mildem Ton, in dem bedrohlicher Bekehrungseifer mitklang.
Ich hatte meine Zigaretten doch nur auf den Tisch gelegt.
Vielleicht ... war das Café ja eine gut getarnte Zweigstelle der Heilsarmee? An der „Zentrale“ war ich eben erst vorbeigegangen. Und dieses blonde Mädchen draußen vor der Tür Salvation-Army-Offizierin? Extra dort abgestellt, um mich mit ihrem Engelslächeln vor meinen Schwächen und den Lastern dieser Stadt zu schützen?
Vielleicht ... sah ich ja so verkommen aus.
Wenn schon. Ich würde jetzt einen heißen Kaffee trinken, versuchen meine Zehen und Fingerspitzen zu beleben und mir dabei ein Bild von meinen kinderlosen Gasteltern zu machen. Ein Bild zu diesen unbesetzten Namen - nahezu unbesetzt, denn Christian schildert andere meist sehr ungenau, selbst wenn er sie schon lange kennt.
Der Name Tim blieb blank. Nur Struppi fiel mir dazu ein, und auch der zweite Kaffee änderte nichts daran.
Dagegen Claire: Französisch. Hell. Und klar.
Mein Handy piepste. Als ich es aus dem Rucksack holte, signalisierte es mir zwei SMS. Von Bea keine, auch von Philipp nichts, war auch nicht anders zu erwarten. Dafür von Claudia und Christian eine Nachricht – sie konnten mir nicht meine Ruhe lassen. Okay, die Antwort hatte Zeit bis später.
Die zweite SMS kam aus der Courtnell Street. Claire schrieb, sie sei „upset“. Ob ich verschollen wäre, ich möchte mich doch bitte auf der Stelle melden, sobald ich dies gelesen hätte. Ich schrieb zurück, mein Flugzeug sei zu spät gelandet, ich käme aber gleich, in etwa einer halben Stunde sei ich da.
Für diese zwei, drei Antwortsätze brauchte ich tatsächlich noch ein weiteres Getränk. Vielleicht war ja mein Englisch doch nicht so brillant.

„You must be Zoe!“, sagte Claire, die mir nach dreimal Klingeln die weiße Tür des zweistöckigen Hauses öffnete. Sie sagte es, wenn man's genau bedachte, nicht zu mir, sondern zu ihrem Handy, das zwischen Ohr und Schulter klemmte.
Claire: Hell und klar. Zartes Gesicht und drum herum viel wildes blondes Haar, so wie ich's eigentlich immer selber haben wollte, darin verschlungen irgendwie ein buntes Band. Sie war eher klein und zierlich, mir kam sie vor wie eine Tänzerin. Das Wort „Gastmutter“ war auf alle Fälle nicht für sie erfunden worden.
Claire steckte sich das Handy in den Gürtel ihrer schwarzen Hose, umarmte mich und zog mich anschließend so schnell ins Haus, als könnte ich ihr ein zweites Mal abhanden kommen. Die kleine Rede, die sie mir dann hielt, muss etwa so gelautet haben:
„O dear“– das war noch mühelos zu verstehen –, sie sei ja so erleichtert, dass ich heil angekommen sei, sie habe vor lauter Angst schon wiederholt versucht Tim auf dem Handy anzurufen ... Der sei aber wie immer beruflich unterwegs und ausgerechnet heute ganz besonders schwer erreichbar ... Selbst Claudia und Christian habe sie bereits ... Was wirklich gar nicht ihre Art sei, das müsse ich ihr glauben ... Egal, jetzt sei ja alles gut und sie entspanne sich auch gleich, doch ich, ich müsse müde sein, ob mir nach einem heißen Bad zumute sei und ob sie mir denn vorher noch das Haus, vielmehr mein Zimmer zeigen solle? Ach, und wie hübsch ich übrigens sei mit meinen dunklen Augen: „How cute you look, Zoe.“
Kam ich zu Wort in dieser ersten halben Stunde, an diesem ersten Abend? Ich glaube kaum. Ich war auch gar nicht darauf aus. Im Gegenteil, ich war andauernd auf der Hut, um von Claires Redeflut nicht überrollt zu werden. Ich schwamm in ihrem Wörtermeer. Ich glaub, ich dachte nicht mal dran zu fragen, ob ich hier eine rauchen könne.
Verstanden habe ich nicht einmal die Hälfte von all dem, was sie mir - jeden Satz mit ihren Händen unterstreichend - über diese Stadt erzählte und den Jahrhundertwinter hier, über die besten sights, die Stadtviertel, die Schule, auf die ich schon ab Montag gehen würde.
Dabei sind es die Worttiraden, die ich bei Leuten über dreißig hasse. Die Meisterin in dieser Sparte ist übrigens Claudia. Wieso ich Claire dann zuhörte, die es mit Claudia ohne weiteres aufnehmen kann?
Ich weiß nicht. Claire war anders. Claire war die jüngste Erwachsene, die ich kannte, und sie sprach Englisch. Und wenn sie sprach, bewegten ihre Füße und ihre Hände sich auf eine schnelle, flüchtige Art. Ich hätte ihr die ganze Nacht zuhören können.
Claire war der Übergang.
Denn als ich später ganz allein in meinem Zimmer saß und auf die plötzliche Stille horchte, begann in meinem Kopf ein neuer Film.