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Wer früh anfängt, hat viel Zeit zum Üben

Jugendbuch-Autorin Barbara Lehnerer spricht mit FOCUS-SCHULE über Figurenentwicklung, stilistische Tücken und die Angst vor dem ersten Schritt.

Wann, glauben Sie, ist der richtige Zeitpunkt, um mit dem Schreiben zu beginnen?
Barbara Lehnerer: Jeder Zeitpunkt ist richtig: von acht bis achtzig oder darüber. Wer früh anfängt, hat natürlich viel mehr Zeit zum Üben.

Viele Menschen, die ein Buch schreiben möchten, kommen über den Anfang nicht hinaus. Zweifel am eigenen Können und das Gefühl, irgendwie zu hängen, lassen Geschichten oft unerzählt bleiben. Wie war das bei Ihnen?
Barbara Lehnerer: Ich hatte das Glück, bei meinem ersten Buch ein Jahr lang von einem Autoren-Seminar im Literaturhaus München begleitet zu werden. Dort gab es alles, was man als Anfänger braucht: Kritik, Feedback, Praxis und immer wieder Motivationsspritzen. Den Unterschied habe ich beim zweiten Buch deutlich gespürt: ein Jahr lang Einsamkeit, nur hin und wieder Ermutigung durch meine Lektorin, die aber auch nur mein Exposé kannte und erst gegen Ende den Text gelesen hat. Aber es war mein zweites Buch, mein Selbstbewusstsein war schon größer. Wichtig ist in meinen Augen, dass man sich nicht entmutigen lässt. Schreiben ist auch Arbeit, und es braucht einen festen Raum im Leben. Manchen Menschen hilft es etwa, dass sie sich feste Zeiten zum Schreiben nehmen oder sich eigene Deadlines setzen und sagen: „Ich schreibe jeden Tag mindestens fünf Seiten.“

Und was tut man, wenn man da sitzt und einen plötzlich der Mut verlässt und der Kopf leer ist?
Barbara Lehnerer: Ich gehe meistens laufen oder spazieren. Oder ich spreche mit Freunden, die auch in irgendeiner Form mit dem Schreiben zu tun haben, über den Punkt, der mir vielleicht in diesem Moment Probleme bereitet. Manchmal ergibt sich daraus eine neue Perspektive.

Wenn ich ein Buch kaufen will, lese ich immer erst den Anfang schon im Buchladen. Wenn mich der Anfang nicht fesselt, stelle ich das Buch zurück. Aber was ist, wenn die eigene Geschichte erst später spannend wird?
Barbara Lehnerer: Ein Buch muss von der ersten Seite an auf die ein oder andere Art gefangen nehmen. Wenn es erst auf Seite hundert interessant wird, nutzt das nicht viel – denn so weit liest der Leser nicht, wenn er sich bis dorthin langweilt. Natürlich darf man aber auch nicht am Anfang bereits alles verraten. Die beste Devise lautet: den Leser neugierig machen. Auf das, was in dem Buch geschehen wird; vor allem aber auf die Protagonisten, das Herzstück des Buches.

Wenn die Figuren einer Geschichte so wichtig sind, wie lernt man sie denn kennen, wenn es sie gar nicht gibt? Nimmt man seine eigenen Freunde und ändert nur die Namen? Wie entwickelt man so eine Figur?
Barbara Lehnerer: Ich erfinde sie, manchmal komplett; aber manche haben auch Züge von Menschen, die ich kenne, denen ich begegnet bin oder über die ich vielleicht selber einmal etwas gelesen habe. Manchmal entdeckt man erst während des Schreibens die Ähnlichkeit zu Menschen, die im eigenen Leben eine Rolle spielen. Bis jetzt habe ich noch keine Figur eins zu eins abgebildet. Das Schönste und Interessanteste für mich ist sowieso, wie eine Figur im Verlauf der Geschichte an Eigenleben gewinnt und quasi mir erzählt, wie sie denkt und fühlt und warum sie jetzt gerade andere Dinge tun oder sagen will, auch anders handeln möchte als ich mir das so ausgedacht hatte.

Erzählt man denn immer nur die Geschichte einer Figur?
Barbara Lehnerer: Im Kinder-, vielleicht auch Jugendbuch sollte in der Regel eine Person im Zentrum stehen, weil Heranwachsende sich gern mit einer Person identifizieren möchten. Natürlich darf es aber auch interessante Nebenfiguren geben, unter Umständen auch eine zweite Hauptfigur, die die Handlung mit trägt. Entscheidend ist, dass man sich als Autor für einen Blickwinkel entscheidet: Wer erzählt die Geschichte, aus wessen Sicht werden die anderen Figuren gesehen und beschrieben. Nur im schlechten Roman ändert sich die Perspektive beliebig und wandert von der einen zur anderen und dritten Figur. Wenn die Perspektiven wechseln, dann nur von einem Kapitel zum nächsten. Und auch hier sollte man sich gut überlegen: Aus wessen Perspektive ist das Geschehen in dem Kapitel am spannendsten?

Gibt es Sachen, die beim Schreiben „verboten“ sind? Ich habe zum Beispiel mal gelesen, dass man nicht in der ersten Person schreiben sollte, weil Verlage das nicht mögen, oder dass niemand eine Geschichte im Präsens lesen will. Stimmt das?
Barbara Lehnerer: Das Buch „Der Klang der Farben“ habe ich sowohl im Präsens als auch in der ersten Person geschrieben – das ist nie kritisiert worden. Wieso auch? Mehr Nähe zur Hauptfigur kann es gar nicht geben. Aber sicher gibt es die klassischen Anfängerfehler, und jeder macht sie. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Fast jeder Anfänger wirft mit Adjektiven um sich, von denen ein guter Teil überflüssig bis störend ist. Die Maxime im Autoren-Seminar war außerdem immer: „Show, don’t tell“. Das heißt: Lass die Figuren handeln, spring in die Szene hinein, fast wie im Film, zeig, was sie fühlen und denken, statt es zu beschreiben.

Was macht in Ihren Augen ein wirklich gutes Buch aus?
Barbara Lehnerer: Dass die Figuren und die Geschichte glaubhaft sind, das Erzählte wirklich zum Leben erwacht. Alles muss zusammenpassen: die Sprache, die Form – manche Themen passen etwa hervorragend zum Jugendbuch, andere sind besser in einem Krimi aufgehoben –, die Stimmung, die Bilder. Wenn ich anderen von dem Buch erzähle und kurz überlegen muss, ob ich das Erzählte vielleicht wirklich erlebt, den Protagonisten des Buches wirklich gekannt habe – dann ist das zumindest ein Anhaltspunkt für ein wirklich gutes Buch.

Schreibt man eigentlich für sich selbst oder für andere, was meinen Sie?
Barbara Lehnerer: Die meisten Anfänger sagen, sie schreiben für sich selbst, insgeheim aber möchten natürlich alle auch für eine Öffentlichkeit schreiben. Das ist normal und gut so. Und es ist auch wichtig. Man sollte sich auch immer wieder selbst kritisch hinterfragen: Ist dieser Abschnitt, dieser Exkurs wirklich wichtig? Würde mein Charakter jetzt wirklich diese flammende Rede für den Umweltschutz halten, oder ist nur mir dieses Thema wichtig, zu meiner Figur aber passt es gar nicht? Habe ich mich vielleicht in eine Nebenhandlung verrannt, die eigentlich Spannung aus dem Buch nimmt, nicht zu der Geschichte passt, die ich erzählen will? Schreiben lernen heißt auch kürzen lernen.

Wem haben Sie Ihr erstes Buch zuerst gezeigt? Hatten Sie keine Angst vor Kritik?
Barbara Lehnerer: Meine ersten Schreibversuche für den „Klang der Farben“ habe ich meinen beiden Töchtern gezeigt. Die waren und sind heute noch meine besten und schärfsten Kritikerinnen. Und dann hat mir der Austausch in Schreibseminaren und mit Kollegen viel geholfen. Natürlich hatte ich Angst, große sogar. Die verliert sich aber in der Auseinandersetzung mit der Kritik, wenn diese gut und produktiv ist. Also: Nur Mut! Und fragen Sie nicht nur nach Kritik, hören Sie auch genau zu. Denn an Kritik kann man lernen.

Wie haben Sie Ihr erstes Buch veröffentlicht? Wie findet man einen Verlag?
Barbara Lehnerer: Ich hatte wahnsinniges Glück und bekam durch ein erhaltenes Stipendium Angebote von drei verschiedenen Verlagen. Für gewöhnlich ist es aber sehr schwierig, einen Verlag zu finden. Nicht, weil es so viele gute Bücher gäbe, sondern weil es so viele Bücher gibt, die noch nicht für eine Veröffentlichung taugen. Wichtig sind ein gutes Exposé und die Auseinandersetzung mit Verlagsprogrammen. Man muss den richtigen Verlag für sein Buch suchen und finden, und das allein ist schon eine Menge Recherche-Arbeit – die sich aber lohnt. Vor allem braucht man einen langen Atem. Wenn ein Buch abgelehnt wird, bedeutet das nicht automatisch, dass es auch schlecht ist. Vielleicht passt es nicht zum Verlag oder gerade nicht ins Verlagsprogramm, wird ein Jahr später aber mit Kusshand genommen.

Sie haben lange Jahre als Deutschlehrerin gearbeitet. Was glauben Sie: Sollte man in der Schule mehr zum Schreiben ermutigen?
Barbara Lehnerer: Unbedingt. Nicht nur ermutigen, sondern das kreative Schreiben müsste einen, wenigstens kleinen, Teil des Deutschunterrichts in der Schule ausmachen.

Wie hätten Sie als Lehrerin reagiert, wenn einer Ihrer Schüler mit einem Stoß Papier in der Hand zu ihnen gekommen wäre und Sie gebeten hätte, seine Geschichte zu lesen?
Barbara Lehnerer: Ich hatte mehrere Schüler, die geschrieben haben. Natürlich habe ich die Sachen gelesen, allerdings war ich, zugegeben, damals noch sehr idealistisch. Ich glaube, ich würde auch heute noch fördern, wo ich kann. Zumindest aber würde ich auf andere Ansprechpartner verweisen. In Literaturhäusern oder Literaturbüros gibt es Schreibkurse für Jugendliche, und natürlich gibt es auch gute Foren im Internet, in denen man lernen und sich ausprobieren kann.

Welchen Rat möchten Sie jungen Autoren mit auf den Weg geben?
Barbara Lehnerer: Jeder, der diese Lust zu schreiben, in sich spürt, sollte ihr unbedingt nachgeben. Ohne Angst, sich zu blamieren. Auf keinen Fall alles in die Schublade schieben, sondern raus damit: den Freunden zeigen oder eben auch mal einem Lehrer, den man gut findet. Nur in der Auseinandersetzung lernt man dazu und macht Fortschritte. Der zweite Rat? Lesen, lesen, lesen – und sich merken, wie es gemacht ist. Man kann sehr viel von guten Schriftstellern lernen.


Barbara Lehnerer schrieb schon als Jugendliche unzählige Märchen und Geschichten, die ihr jedoch bald selbst nicht mehr gefielen. Mit Fünfzehn hörte sie auf zu schreiben und arbeitete später als Lehrerin und Übersetzerin, ehe sie wieder zur Feder griff und ihr erstes Buch „Der Klang der Farben“ erschien. Beim Schreiben lernen haben ihr auch ein Literaturstipendium sowie die Teilnahme an Autoren-Seminaren geholfen. Ihr neues Buch „Alles auf Anfang“ erscheint im Juli bei dtv und erzählt die Geschichte der siebzehnjährigen Zoe, die als Gastschülerin nach London flieht, weil ihre Eltern ihr zuvor gestanden haben, dass sie adoptiert ist, und dort nicht nur zurück zu ihren Wurzeln, sondern auch ihre große Liebe findet.