berichte.html
 

"Dass ich nicht ich und meine Eltern auch nicht meine Eltern waren"

Barbara Lehnerers Roman "Alles auf Anfang"
Von Sylvia Schwab

In ihren Büchern geht es um all das, was für Jugendliche wichtig und spannend ist: um Selbstfindung und Liebe, um Reisen und Musik. Barbara Lehnerer, Jahrgang 1955, schaut denen, über die sie schreibt, sozusagen aufs Maul, kennt ihre Themen, Wünsche, Hoffnungen und Bedürfnisse. Für ihren Jugendroman "Der Klang der Farben" erhielt sie das Münchner Literaturstipendium, gerade ist ihr zweiter Roman "Alles auf Anfang erschienen".

Woran ich mich am deutlichsten erinnere?
Es war so kalt, als wir am 10.Januar in London Heathrow landeten, das von oben, aus der Luft, vollständig überzogen schien von einer Lage Schnee und Eis.
London? Sibirien!

Noch oft wird es Zoe in den kommenden Wochen so gehen, dass alles ganz anders kommt, als sie erwartet hat. Nicht nur London zeigt der Siebzehnjährigen ein unbekanntes Winter-Gesicht, auch ihre Gasteltern, bei denen sie drei Monate bleiben möchte, sind nicht Eltern im gewohnten Sinn. Und die neuen Freundinnen sind unerwartet aufgeschlossen. Sie ziehen Zoe gleich mitten hinein in ihr nächtliches Dicso-Treiben mit viel zu viel Alkohol und viel zu lauter Musik. Schließlich sind da noch Zoes Erinnerungen. Vor ihnen ist sie von München nach London geflohen. Barbara Lehnerer:

Sie kommt da sehr selbstbewusst in London an und sie scheint auch die Situation sehr gut in den Griff zu bekommen in vielerlei Hinsicht, und so ganz sukzessive merkt man, da fängt es an zu schlingern. Das, was sie.. in ihrem Unterbewusstsein unterdrückt und teilweise auch bewusst, das bahnt sich mit Macht seinen Weg. Und dafür gibt es Auslöser.

Was erst nur in Andeutungen aufblitzt, dann konkreter wird im Gespräch mit Claire, der jugendlichen Gastmutter, und was schließlich herausbricht aus Zoe: das sind die Erinnerungen an ein Erlebnis, das ihr Leben innerhalb weniger Minuten wie umgedreht hatte. So jedenfalls kommt es ihr jetzt vor. Auf der Suche nach ihrem Impfpass im Schreibtisch ihrer Mutter fand Zoe ein paar Wochen vor ihrer Abfahrt nach London Dokumente, die eindeutig aussagen, dass sie nicht die Tochter ihrer Eltern ist, sondern adoptiert wurde.

Was ich an diesem Nachmittag gelesen hatte, war mir so fremd, es war so groß gewesen, das es mir jeden Maßstab nahm: Dass ich nicht ich und meine Eltern auch nicht meine Eltern waren ... es war nicht einzuordnen in mein Leben. ... Nichts war mehr vertraut, normal, nichts war verlässlich: das Haus, in dem ich lebte, und mein Zimmer, die Eltern, die Großeltern, die Freunde.

Der Schock stürzt Zoe in eine tiefe Identitätskrise, lässt sie an allem zweifeln, was bisher sicher zu sein schien in ihrem Leben. Dazu löst er ungeheure Wut, ja Hass aus auf ihre Eltern. Die hatten ihr die Adoption verheimlicht aus Angst, ihr Kind zu verlieren, und müssen sich nun Verrat von ihrer Tochter vorwerfen lassen, Feigheit und Betrug.

Der eisige Winter, in den Zoe in London gerät, passt gut zu ihrer Stimmung. Doch der Frühling kommt mit Macht, als Sean ihr begegnet. Sean, der flippige Typ mit den Rasta-Locken, Sean, dessen Vater Jamaicaner ist, Sean, der Musik im Blut hat. Und der den Riss durch Zoes Leben intuitiv begreift, weil er selbst seinen Vater kaum kennt.

"Alles auf Anfang" - der Titel spielt auf den Film an, der immer wieder vor Zoes innerem Auge abläuft: wie sie vor dem Schreibtisch ihrer Mutter stehend die ungeheuerliche Entdeckung ihrer Adoption macht.

Wir haben uns deswegen auf "Alles auf Anfang" geeinigt, weil Zoe eben ein Mädchen ist, das schon sehr in Bildern denkt, in Vorstellungen. Das ist ja auch ein ganz wichtiges Leitmotiv in diesem Roman. Und wehe, diese Bilder oder diese Vorstellung werden zerstört. Und nun wird sich praktisch gezwungen, sich auf eines der frühesten oder ersten Bilder, die sie nicht mehr sehen möchte, zurückzubesinnen. Deswegen "Alles auf Anfang", ein Begriff aus dem Film, im Englischen heißt es "Back to one" - noch mal zum Anfang der Szene zurück, noch mal neu drehen.

Barbara Lehnerers Jugendroman "Alles auf Anfang" ist vieles: Eine Entwicklungsgeschichte, in der ein junges Mädchen in eine Krise gerät. In eine Krise, die aber auch Kräfte freisetzt und sich schließlich als Chance erweist, die verzweigten eigenen Wurzeln zu finden. Eine Liebesgeschichte, die sehr sensibel erzählt von der unbekümmerten Fröhlichkeit und der ratlosen Sprachlosigkeit der ersten großen Gefühle. Und eine Reisegeschichte, die im Kopf und auf vielen Landkarten beginnt und auf Kreta endet, wo Zoe ihrer leiblichen Mutter begegnet.

Ich habe es sicherlich nicht als Problemgeschichte geschrieben. Ich habe es mit ganz großer Freude als Liebesgeschichte geschrieben. Denn ich finde, die Liebesgeschichte gehört zur Identitätsgeschichte dazu und natürlich geht es um Identität in diesem Roman. Um Identitätsfindung, denn das ist das zentrale Thema in diesen Jahren und vielleicht unser ganzes Leben lang und darum taucht es in den Teenager-Romanen so häufig auf.

Zoes Adoption erschwert noch einmal auf schmerzhafte Weise ihre Identitätssuche. Für sie stellen sich alle Fragen der Pubertät noch viel heftiger als für ihre Altersgenossen: "Wer bin ich?", "Woraus setzt sich dieses Ich zusammen?", "Wieweit gestalte ich mein Ich selbst?" und "Wieweit bin ich abhängig von meiner Vorgeschichte und meiner biologischen Familie".

Trotzdem liegt eine leichte, fast schwebende Atmosphäre über Barbara Lehnerers Buch. Getragen von einem lockeren Erzählton, der ganz ohne literarische Ambitionen zu sein scheint und dessen Stärke gerade in dieser Zurückhaltung liegt. Zoes Selbstfindungsgeschichte kommt ganz unspektakulär daher. Trotz Wut und Enttäuschung, Sehnsucht und Verliebtheit ist sie frei von Pathos oder Sentimentalität. Große Emotionen werden eher beiläufig beschrieben, in der Ich-Perspektive, ganz nah dran an dem, was das junge Mädchen erlebt und empfindet.

Der etwas lässige Tonfall ist - glaube ich - adäquat für diesen ganz bestimmten Typus Mädchen, den ich darstelle ... Zoe ist ein sehr selbstbewusstes Mädchen und ich glaube ihr Mittel ist es, sich nicht in die Traurigkeit, in die Depression zurückzuziehen. Sondern sie entwickelt zuerst einmal, ihrem selbstbewussten Wesen entsprechend, Wut. Große Wut, und gleichzeitig versucht sie, die zu kaschieren mit Coolness.

Was dieses Buch vermittelt ist ein Gefühl von Bewegung. Nicht nur, weil Zoe gerne mit Sean unterwegs ist und sich schließlich mit ihm auf die Suche macht nach ihrer leiblichen Mutter. Sondern vor allem darum, weil sie bereit ist, sich einzulassen auf neue Länder und fremde Menschen, bereit ist, etwas zu er-fahren, ja: sich zu er-fahren. Leben, das spürt man immer wieder beim Lesen, ist Bewegung. Im Sinne von körperlicher Bewegung, von Unterwegs-Sein, aber auch im Sinne von emotionaler Bewegung, von Spüren, Fühlen und sich Anrühren lassen. Und wo Leben und Bewegung ist, da ist auch Hoffnung auf Veränderung. Nicht auf ein einfaches Happy-end, aber auf einen neuen Anfang, dieses Mal mit den Adoptiveltern:

Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und schrieb die folgende SMS:Heute sind wir ans Meer gefahren. Das würd ich Euch gern einmal zeigen. Love Zoe. PS: Ich freue mich auf euch in London.