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„ALLES AUF ANFANG“
Die Münchner Autorin Barbara Lehnerer liest aus ihrem neuen Roman.

Draußen brüllt die Sonne vom Himmel. Drinnen, im Café Atlas in München, brüllt die Kaffeemaschine, Schülerinnen und Schüler fächeln sich mit Eiskarten Luft zu – so wie Jessica und Cindy, beide 17, von der Fridjof-Nansen-Realschule. Vor ihnen auf dem Tisch liegt druckfrisch ein Taschenbuch von dtv: „Alles auf Anfang“ von Barbara Lehnerer. Die Münchner Übersetzerin und Autorin stellt ihren neuen Roman vor – und der nimmt alle mit. Aus der brütenden Hitze direkt nach England, in tiefsten Winter.
„Too much snow“, liest Barbara Lehnerer, zu viel Schnee, kaum vorstellbar an einem solchen Tag, aber mit einem Mal liegt klirrende Kälte in der Luft. Denn Eiszeit herrscht nicht nur in London, sondern auch in Zoe, der Hauptfigur.
Seit die 17-Jährige zufällig entdeckt hat, dass sie adoptiert worden ist, ist ihre Welt aus den Fugen geraten. Als Gastschülerin Kilometer und Monate weit weg von allen und allem, hat sich nur einen Wunsch: Alles auf Anfang! Und als wollte sie in eigener Regie sich selbst eine andere Lebensgeschichte zurechtschreiben, einen neuen Plot für einen besseren Film, löscht sie Erinnerungen, zoomt auf das, was schön ist, pulsierendes Großstadtleben, London-Flair pur, immer auf Achse, und schwenkt die Kamera weg, wenn’s weh tut: „Nicht anschauen, was dich traurig macht“. Doch dann trifft Zoe Sean, den Reggaemusiker, und verliebt sich Herz über Kopf. Ihre Reise, zunächst wie eine Flucht, wird zunehmend Spurensuche. Zusammen mit Sean macht sie sich auf den Weg nach Korfu, wo sie geboren wurde, um ihre leibliche Mutter zu sehen.

Um Selbstfindung, auch unter Extrembedingungen, geht es Barbara Lehnerer. Es ist eines ihrer Hauptthemen. Eines, von dem sie weiß, dass es nicht aufhört. Eines, das vor allem ins Jugendbuch gehört, und das sich vor dem Hintergrund Adoption noch zuspitzen lässt, wenn die Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? ganz anders zu stellen sind.
Viel Zündstoff also.
Barbara Lehnerer nähert sich dem bei aller Problematik poetisch. „Das Thema Adoption“, sagt sie, „ist für mich ein altes Thema“. In ihrer weiten Familie gibt es einige Adoptionsfälle, darüber hinaus hat sie über ein Jahr für ihren Roman recherchiert, hat Adoptions-Foren besucht, mit Betroffenen gechattet, Jugendämter gelöchert: „Ich bin ein langsamer Brüter“, beschreibt sie ihre Arbeit. Zu der gehört auch, vor Ort Eindrücke zu sammeln, Stimmungen aufzunehmen: Sightseeing in London – „meine zweite Heimat“ – damit die Großstadtkulisse stimmt.

Draußen legt die Straßenbahn sich quietschend in die Schienen. Im Hintergrund leise Raggea-Musik. Die Location passt. Großstadtkulisse auch bei der Lesung. Drinnen lässt Jessica sich ihr Buch von der Autorin signieren. Von dem Roman ist sie ganz begeistert. Schließlich will sie demnächst selbst für ein paar Monate nach England und darum schon mal wissen, wie es dort ist. Und Cindy? Die war am Anfang eher skeptisch. Jugendliteratur ist an sich nicht so ihr Ding. „Die Leute, die Jugendbücher schreiben, sind doch viel zu alt, zwischen 30 und 50. Wie sollen die denn wissen, wie das geht?“
Barbara Lehnerer weiß es. Das kann Cindy nur bestätigen. Was ihr besonders gefallen hat? Na, die Liebesgeschichte! In einem Roman voller Anfang.